Normal

Der fünfte Tag nach der OP. Heute ist nicht viel passiert, Sonntag halt. Routine kehrt ein und – Normalität. Um Sieben bin ich aufgewacht, mit meinem Plüschferkel im Arm. Kurz drauf kamen die Schwestern rein, Temperatur und Blutdruck messen. Danach Frühstück. Heute gabs ein gekochtes Ei und das Übliche: Brötchen, Wurst, Käse, Marmelade – lecker. Anschliessend bin ich aufgestanden, hab meinen Kram zusammengepackt und bin für ne halbe Stunde im Bad verschwunden. Alles schön langsam – geht aber gut. Danach hab ich erstmal noch ne Weile gepennt. Ich darf das ja. 😀

Um Zehn dann Visite. Keine Besonderheiten. Morgen muss ich wieder nach unten (in die Ambulanz) zum Verbandwechsel. Ausserdem wird morgen einer der beiden Katheder entfernt. Ich hab vergessen welcher. Ich hab mich gefragt, ob ich das komisch finden soll, dass ich so ne Info vergessen hab, aber ich denke nein. Es ist nicht von Bedeutung für mich. Der andere kommt sowieso auch noch raus – halt ein paar Tage später und letztlich geht alles einfach seinen Gang. Ich bin gelassen und geduldig und das tut gut.

Zu Mittag gabs heute Rindergechnetzeltes mit Nudeln und Broccoli. Ausserdem Götterspeise und ein Stück Donauwelle – wieder lecker. Ich war pappsatt und zufrieden. Danach hab ich – richtig – wieder ein bisschen geschlafen. Natürlich mit meinem Plüschferkel im Arm und einem Lächeln im Gesicht. Wenn die scheiss Kopfschmerzen nicht wären, würd ich vielleicht garnicht wieder hier weg wollen. Nein, Quatsch! Ich vermisse unser bequemes Bett, unsere gemütliche Wohnung und vor allem Judith.

Heute konnte sie nicht kommen, weil auf den Strassen wohl wieder die Hölle los war. Schade. Ein anderer Besuch hat auch abgesagt deswegen und ich war schon ganz geknickt. Zum Glück kamen dann aber doch noch Freunde und ich hatte ein wenig Gesellschaft. Ne Nackenmassage bekam ich dann auch noch und das war himmlisch. Kurzzeitig waren die Kopfschmerzen fast weg.

Vor dem Abendessen hatte ich dann noch ein wenig Zeit zum Nachdenken und Körper-beim-Heilen-beobachten. Ist echt krass, was da abgeht. Und seit heute zuckt manchmal meine Muschi. Das ist witzig – wie von kleinen Stromstössen. Ich hab (noch) keine Ahnung, wie das später mal so sein wird, aber wenn das eine Vorahnung darauf ist, was für Gefühle sie mir schenken kann, dann wird das toll! Ich freu mich so.

Überhaupt – ich freu mich so. Ich bin sooo froh und zufrieden und glücklich. Vor zwei Tagen hatte ich ja schonmal angedeutet, dass ich nochwas berichten wollte und das will ich jetzt mal tun:

Seit Jahren hab ich auf die OP hingearbeitet. Hab Gutachten und Befunde gesammelt, mich über alles informiert und auf den Termin hingefiebert. Und natürlich hab ich meine Entscheidung auch immer wieder hinterfragt. Für mich war klar: Ich wollte das. Trotz Risiko, Schmerzen und Unannehmlichkeiten. Aber so eine Restunsicherheit blieb. Wie wird es sein „danach“? Wird es so toll sein, wie ich es mir erhoffe? Oder wird es nur ein „naja, jetzt isser weg – prima“ sein? Ich hatte darüber ja geschrieben.

Womit ich nicht gerechnet hatte, ist dieses eindeutige Glücksgefühl. Dieses klar bestätigte und vollkommene Glücksgefühl. Ich weiss nicht, woher es kommt, aber es ist da. Unumstösslich. Und das ist gut. Keine Zweifel mehr, keine Fragen. Ich bin angekommen – ich bin ich. Endlich.

Ich weiss, das klingt schwülstig, aber es ist einfach so. Und diese Worte reichen eigentlich noch nicht mal aus, die Grösse dieser Erkenntnis für mich zu beschreiben. Ich weiss nicht, ob ihr euch das vorstellen könnt: Ein halbes Leben lang Zweifel, Fragen und Ablehnung – und jetzt nur noch Klarheit.

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9 Antworten zu “Normal

  1. Hach Du – mir fehlen grad die Worte.
    Schön ist das, einfach nur schön.
    Würd ich nicht mit meiner Bronchitis im Bett rumkuscheln und mich mit meinem Auswanderungs-Orga-Stress rumschlagen, dann tät ich glatt evtl. auch mal vorbeischaun bei Dir.
    So täten wir uns wenigstens auch mal sehen.
    Habs einfach weiter schön und genieße, was passiert ist, was passiert und was Dich da beschäftigt!

  2. Meine Liebe,
    es war schön heute bei dir – es war mir ganz wichtig, dich zu besuchen, dich zu sehen. Und du strahlst! Ich hab dich sehr lieb und sende dir ganz viel Heil-Voodoo 😉
    Die Deutsche Bahn war zwar nicht mehr bereit uns weiter als bis nach Dormagen zu bringen, aber es war trotzdem ein sehr schöner Tag!
    bis bald

  3. Das klingt doch wirklich perfekt und ist offensichtlich eine der allerschönsten Zeiten in Deinem Leben. Genieß es einfach! 🙂
    Frau hört förmlich Dein erleichtertes, ganz tiefes Durchatmen 😉

    Und die (Noch-)Kopfschmerzen „verbuchen“ wir unter „Schönheitsfehler“ 😉 *räusper*

  4. endlich gut!

    ich sehe dich förmlich strahlen, du bist angekommen und das ist gut, so richtig gut, eine lange wegstrecke, voller zweifel und fragezeichen, die heute beantwortet sind, das ist sehr, sehr schön.

    das wetter ist echt winterlich, meine güte, jetzt tauts hier und wenns anzieht können wir wirklich die kufen anspannen, die schlitterschuhe 😉

    oh, frag doch mal deine weisse feen ob sie ein moorkissen für deinen nacken haben, sollten sie, dann erledigt sich das mit deinen verspannungen, oder wird fühlbar besser.

  5. Genau diese absolute Eindeutigkeit hat mich selber so fasziniert und deshalb habe ich noch im Spital geschrieben, dass ich mich nicht mehr als transsexuell wahrnehme, ich habe nur noch eine transsexuelle Vergangenheit, ansonsten herrscht jetzt Harmonie zwischen Innen und Aussen 🙂

  6. Schön, so solls sein 🙂 Und wenn die Massagen gegen das Kopfweh helfen ist wieder ein Schritt Richtung nach Hause gemacht 🙂

  7. Es ist herrlich, danach schwimmen oder in die Sauna gehen zu können ohne Angst haben zu müssen, dass etwas auffällt.
    Weiter gute Besserung.

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