Erste Schritte

Es war um viertel vor sechs heute morgen – meine Zimmergenossinnen schliefen noch und auf dem Flur war noch alles still. Ich wurde wach und merkte, wie ich lächelte. Alles ist gut.

Die Begleitumstände sind ätzend – ich schlafe überwiegend schlecht, hab die meiste Zeit tierische Kopfschmerzen und mein Nacken tut höllisch weh, die Thrombosestrümpfe jucken wie blöd und mein Hintern ist schon ganz platt – aber ich fühle mich trotzdem grossartig! Mir ist nicht mal langweilig. Die meiste Zeit liege ich hier und „beobachte“ meinen Körper bei der Heilung. Ich höre mein Herz schlagen, fühle das Blut durch die Adern fliessen und merke, wie sich mein Körper anstrengt, alles wieder „heil“ zu machen. Und es geht so schnell. Ich kann fast zusehen, wie es Stückchen für Stückchen besser wird. Ist schon irre.

Den Rest der Zeit hab ich Besuch von lieben Menschen. Heute war die Bude voll und ich hatte teilweise Bauchweh, weil wir die ganze Zeit gelacht haben. Ich danke euch so sehr dafür! Ihr seid wunderbar.

Wie gesagt, es war viertel vor sechs heute morgen und ich musste aufs Klo. Die Nummer mit der Bettpfanne ist nicht wirklich lustig und ich wollte einen Schritt weiter. Ich hätte die Schwestern um Hilfe bitten können, aber ich wollte ein klein wenig Selbständigkeit. Also machte ich mir einen Plan für den ersten Gang auf die Toilette: Erstmal aufsetzen, drehen und die Füsse runterhängen lassen. Warten und sehen, ob die Welt sich irgendwie verändert – nichts. Kein Karussel, keine Achterbahn – gut. Ich nahm mir vor, wachsam zu sein und beim ersten Anzeichen von Schwindel oder Schwäche nach den Schwestern zu klingeln (Klingelknöpfe sind hier überall verteilt). Vorsichtig aufstehen – immernoch alles gut. Dann der Weg zur Toilette – ca. 3 Meter links von meinem Bett ist die Tür. Schrittchen für Schrittchen wagte ich mich vor und achtete genau drauf, was mein Kopf und mein Kreislauf macht. Kein Problem. Tür auf, rein, hinsetzen. Weitere Details erspar ich euch, aber es war ein voller Erfolg! Als ich endlich wieder in meinem Bett lag, war ich fix und fertig, aber überglücklich! Schon albern, dass so einfache Sachen eine solche Bedeutung bekommen können.

Bei der Visite um 10 hab ich dann Frau Dr. Tabatabaei gebeichtet, dass ich auf war. „Prima“ sagte sie, „sie dürfen ja auch schon aufstehen“. Toll. Hätte mir ja mal jemand sagen können.

Mittags gab es Graupensuppe mit Mettwürstchen. Sehr lecker! Allerdings hatten wir alle sofort merkwürdige Assoziationen… Egal – ich hab ihn jedenfalls nicht wiedererkannt. 😉

Und vorhin war ich nochmal auf und bin mit Judith zusammen kurz raus auf den Balkon. War DAS schön! Die kalte, klare Schneeluft und die nächtlichen Geräusche – ich hätte nie gedacht, dass ich das sooo schön finden könnte! Da stand ich dann, mit OP-Hemdchen, Bademantel, Plüschpuschen und nur noch 2 Beinen. Irre. Ich hielt mich bei Judith fest und genoss einfach den Augenblick. Werd ich wohl nie vergessen und Judith war dabei. Sie ist immer da für mich und hält mich. Du bist grossartig. Ich liebe dich!

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13 Antworten zu “Erste Schritte

  1. Sehr schön 🙂 Du bist schon wieder ein großes Stück weiter, toll, wenn man sich wieder allein bewegen kann, mehr Freiheit !

  2. nee ne, Du hättest vorher schon aufstehen dürfen, das ist wirklich fiiiies von denen gewesen. Nun Du hast nun aus freien Stücken erwählt aktiv mitzuhelfen… gut so, Susi in faul bleiben geht ja gaaaar nicht *lächel*
    Man könnte fast meinen Dir beim heilen zuschauen zu können so nahe wie die Wortwahl ist. Hach und der Schnee, die Frau liebende Dir beistehende an Deiner Seite… romantisch schön.

  3. Der erste Blick an der frischen Luft auf den Schnee „danach“ – juhu, ich freu mich so für Dich! Und wie Du schreibst, was Du schreibst: es berührt.
    Du schaffst es irgendwie, mit Deinen Worten Bilder zu malen.
    Schöne Bilder sind das, beruhigende Bilder, mitfreufähige Bilder.
    Hab einen schönen Sonntag, 4. Advent, vermutlich weiteren Besuchertag!

  4. Hallo susanne,

    hab dein op tagebuch gerade gelesen und gratuliere dir erstmal für die gelungene op und das alles gut läuft.Muß grad in dem zuge an meine titti-op denken vor drei wochen,war auch auch ganz lustig.Böse war nur das hinterlistige ziehen der drainageschläuche.Kam mir dann grad wieder in erinnerung als ich mich hier so durchgelesen hab bei dir.Wünsch dir erstmal alles gute weiterhin und das schöne ist wirklich das jedertag ein fortschritt ist was die heilung betrifft,somit hast du das schlimmste überstanden.

    Grüßle vom tief verschneiten Bodensee

    Zoets

  5. SCHÖN ! Einfach nur wunderschön, das/sowas lesen zu können !
    Bei diesen vielen Menschen, die so unterstützend an Dich/Euch denken, kannst Du gar nicht anders, als schnell wieder komplett auf den Beinen zu sein und (nicht nur) die Feiertage gemeinsam zu genießen 🙂

  6. Euch beiden einen herrlichen besinnlichen vierten Advent und immer einen aufrechten Stand meine Liebe 🙂
    Herzliche Grüße aus dem verschneiten Duisburg an dich und einen dicken Knutscher
    Birgit

  7. Ich wünsch dir/euch einen schönen 4. Advent und mach weiter so!
    Auf zwei Beinen steht man bekanntlich erst mal anders…gut so 🙂

    Und so ein Körper ist schon was wunderbares, wenn man ihm beim Arbeiten und Heilemachen zugucken darf, ich weis dass auch *lächel*

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