Begriffsklärung

Eigentlich kann ich Kategorisierung und Schubladendenken ja nicht leiden. Aber wenn man über ein Thema schreibt, dann hilft es, wenn gewisse Begrifflichkeiten geklärt sind. Also werd‘ ich mal meinen Ansatz der Begriffsklärung zum Besten geben:

Ich bezeichne mich gerne als „Transe“. Viele denken, das sei ein Schimpfwort oder abwertend gemeint – ist es meistens auch, wenn anderealso Nicht-Betroffene – diesen Begriff benutzen. Ist ähnlich wie mit dem Wort „Nigger“, denke ich. Wenn Schwarze sich untereinander „Nigger“ nennen, dann ist das ein Ausdruck von Zusammengehörigkeit und gegenseitiger Wertschätzung. Tut es ein Nicht-Schwarzer, dann kann es passieren, dass er das bitter bereut.

Ich nenne Transen Transen. Und zwar unabhängig davon, ob es Transsexuelle oder Transvestiten sind. Eben quasi als Oberbegriff. Und dahinter steckt keine Überzeugung, sondern eigentlich Faulheit. Ist mir nämlich zu anstrengend immer erst herausfinden zu müssen, ob ich es gerade mit einer Transsexuellen oder einem Transvestiten zu tun habe. Und es ist mir zu anstrengend, immer politisch korrekt beide Fraktionen zu nennen. Also sprech‘ ich von Transen.

Ich weiss, dass es unter Euch einige gibt, die jetzt aufschreien – sowohl wegen des Begriffs an sich, als auch wegen der Nicht-Unterscheidung zwischen TS (=Transsexuelle) und TV (=Transvestit). Ok, über den Begriff kann man streiten, aber ich kenne einfach keinen besseren. Transsexuelle spricht nur die eine Hälfte an, Transident trifft es garnicht, Genderbender ist mir zu ungenau und Transgender klingt mir zu künstlich. Muss jeder selber wissen, was am besten passt – für mich passt am besten „Transe“. Ich mag es einfach und direkt.

Und was die Nicht-Unterscheidung zwichen TS und TV angeht: Ich mag es einfach nicht. Damit wird soviel Schindluder getrieben und die Einen halten sich für besser als die Anderen und alle hacken aufeinander rum – ich mag es nicht. Natürlich gibt es einen Unterschied und es hilft beim Verstehen der jeweiligen Probleme und Anliegen, wenn man diesen kennt – aber das war’s dann auch.

Ausser TS und TV schwirren noch ne Menge anderer Begriffe und Kürzel umher und ein paar davon will ich hier mal kurz aufzählen:
CD (=CrossDresser) ist eigentlich nur das englische Wort für den lateinischen Begriff Transvestit (lat. vestis: die Kleider und trans: hinüber, jenseits).
DWT (=DamenWäscheTrräger) meint in aller Regel Männer, die gerne – vor allem – weibliche Unterwäsche tragen.
Sissy (oder Sissi) meint einen Mann, der es mag gezwungen zu werden, weibliche – vor allem – Dienstmädchenkleidung zu tragen.
DragQueen (drag = Abk. für „dressed as girl“) meint Männer, die sich in besonderer Weise betont und meist übertrieben weiblich kleiden und stylen.

Alle eben aufgeführten (und die Liste ist lange nicht vollständig) sind Untergruppen von Transvestiten, keine Transsexuellen. Und somit kommen wir doch zur Gretchenfrage: worin unterscheiden sich Transseuelle und Transvestiten?

Wie gesagt: Man muss und sollte nicht darauf herumreiten, aber es gibt nunmal einen Unterschied und es ist gut ihn zu kennen, wenn man sich ernsthaft mit dem Thema und den damit verbundenen Problemen beschäftigt. Ich masse mir nicht an, hier die einzig wahre und richtige Antwort auf diese Frage geben zu können – ich gebe meine Antwort:
=> Der Unterschied liegt nicht im Aussehen oder der Perfektion, mit der das andere Geschlecht nachgeahmt wird. Der wesentliche Unterschied liegt im Selbstverständnis bzw. der Selbstwahrnehmung.

Ein Transvestit ist ein Mann, der sich mehr oder weniger aufwändig und geschickt äusserlich in eine Frau verwandelt. Dies geschieht meist nur zeitweise und nicht ständig und er findet sich prinzipiell als männliches Wesen auch ganz ok.

Eine Transsexuelle ist ein Mensch, der zwar mit einem männlichen Körper geboren wurde, sich selbst aber überwiegend als weibliches Wesen wahrnimmt und deshalb lieber in der Rolle einer Frau lebt oder leben will. Klar gibt’s das auch umgekehrt, aber das ist eben nicht mein Thema.

Ich denke sowieso, dass jeder Mensch sowohl männliche als auch weibliche Anteile in sich trägt. Bei dem einen überwiegen die männlichen, bei der anderen eben die weiblichen – ein Problem entsteht erst, wenn die körperliche Hülle nicht zum gefühlten Geschlecht passt. Und das ist dann eben eine Transsexuelle. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Person bereits alle Massnahmen (dazu wird es noch mindestens einen Artikel geben *gg*) ergriffen hat, oder ob sie diesen Weg noch vor sich hat, oder ob sie zwar so empfindet, den Weg aber aus irgendwelchen Gründen nicht gehen kann oder will. Das eigene Empfinden ist entscheidend.

Verbunden mit dieser unterschiedlichen Selbstwahrnehmung sind natürlich auch ganz unterschiedliche Ziele und damit auch Probleme. Während Transvestiten sich bemühen – neben ihrem normalen Alltag als Mann – sich möglichst effizient und teilweise perfekt äusserlich in eine Frau zu verwandeln, liegen für Transseuelle die Probleme eher im psychischen oder medizinischen Bereich und das angestrebte Frauenbild unterscheidet sich in aller Regel deutlich. Transvestiten wollen oft ganz bestimmte Archetypen verkörpern und überzeichnen manchmal durch Kleidung und/oder Schminke ganz bewusst – während Transseuelle eher die gesellschaftliche Akzeptanz als „ganz normale Frau“ im Alltag anstreben und eher versuchen nicht aufzufallen.

Da ich selber transsexuell bin, geht es in diesem Blog eben um diese Themen. Doch mehr davon demnächst. Im Gegensatz zu Schwarzen (siehe oben) finde ICH es übrigens vollkommen ok, wenn auch Nicht-Transen uns, insbesondere mich „Transe“ nennen. Ich gehe zunächst eben nicht davon aus, dass es abwertend gemeint ist. Warum auch?

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4 Antworten zu “Begriffsklärung

  1. Pingback: Transsexualität – ein Leitfaden | Susi und Ferkel·

  2. Ich selber seh rot, wenn ich das Wort „Transe“ lese oder höre, eben weil es in der Regel absolut respektlos gemeint ist, wie auch auf Wikipedia zu lesen ist. Du hast natürlich Recht, dass es etwas Anderes ist, ob man sich selber z.b. ironisch so benennt oder ob Andere das tun, wie Du im Vergleich mit „Nigger“ dargelegt hast. Ich bin selber in einem Stammtisch der sich Transensyndikat nennt. Und doch legitimiert man so einen Begriff, den man eigentlich loswerden müsste. Das Wort ist in der Gesellschaft so abwertend und lächerlich belegt, dass eine Wertumkehrung kaum noch möglich ist. Deshalb müsste es bekämpft werden und es gab tatsächlich schon Gerichtsurteile und Rügen vom Presserat, weil Medien von Transen oder Trannies geschrieben haben. Das muss jede natürlich für sich entscheiden, aber ich halte die Verwendung dieser Bezeichnung für gefährlich, weil es ein ernst-nehmen erschwert.

    Was transident anbelangt, sehe ich da ähnlich. Mein Blog hiess ursprünglich „Tagebuch einer transidenten Frau“, weil das halt einfach besser klingt als transsexuell. Erst als ich verstand, dass ich mir damit faktisch die Geschlechtsidentitätsstörung überstülpe und die leider völlig fehlplatzierte Psychopathologisierung übernehme, habe ich es geändert und nenne mich nun transsexuell – oder seit einer Woche „ehemals transsexuell“ 😉

    Einen Denkanstoss hab ich noch. Du schreibst, dass transsexuelle Frauen einen weiblichen Körper haben, aber ein weibliches Wesen haben. Nach aktuellem Stand der Wissenschaft stimmt das tatsächlich nicht, was viele erstaunen dürfte. Eine transsexuelle Frau hat eine anatomisch weibliche Hirnstruktur, die Grösse und Neuronendichte der Hirnregion, die für die Geschlechtsentwicklung zuständig ist, entspricht einer Frau. Man darf also sagen, dass eine transsexuelle Frau ein weibliches Gehirn mit einem männlichen Restkörper ist. Dieser Unterschied ist alles andere als gering, wir fühlen uns eben nicht nur als Frauen, was eine psychologische Frage wäre sondern sind auch biologisch Frauen, zumindest im zentralsten und wesentlichsten Organ des Körpers 😉

    • hey diana,
      danke dir, dass du dich so intensiv mit meinem artikel auseinandersetzt!
      ich finds gut, dass es unterschiedliche meinungen gibt und ich will dir deine auch nicht nehmen oder dir meine aufdrücken. daher belass ich’s einfach bei nem dankeschön.
      🙂

  3. Hallo Diana,

    ich bin da etwas anderer Ansicht. Die Bezeichnung „Schwul“ war ursprünglich auch mal ein Schimpfwort, was die wenigsten Leute heutzutage überhaupt noch wissen.

    Sich ein „Schimpfwort“ zu eigen machen bedeutet meiner Meinung nach ganz einfach „Den Ignoranten den Stinkefinger zu zeigen“, indem man ihnen deutlich macht, wie wenig sie einen treffen können.

    Nur ein kleiner Denkanstoß von mir, da ich ja gern mal meinen Senf dazu gebe! *g

    lg von Siouxi

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