Auf Wiedersehen, Papa

„Er hatte noch nicht genug vom Leben, und ihr hattet noch nicht genug von ihm“ – ich finde diesen Satz, mit dem Susanne die Trauer meiner Mutter, meines Bruders und die meine zusammengefasst hat, wunderschön: einfach und so wahr. Als sie das sagte, neigte sich das Leben meines Vaters dem Ende zu und uns allen vier – einschließlich meinem Vater – fiel es so schwer, loszulassen.

Er hat es inzwischen geschafft. Er hat diese Welt heute Nacht mit 70 Jahren verlassen. Am Ende war es gut, dass sein Leiden zuende war: Er hat so oft gesagt, er könne und er wolle nicht mehr. Zehn Jahre lang hat er jetzt gegen den Krebs gekämpft, ist immer nur schrittchenweise zurückgewichen. In den letzten Wochen nahmen Schmerzen und Schwäche jedoch überhand, so dass von seiner Lebensfreude wenig übrig blieb.

In dieser Situation ist mir erst einmal aufgefallen, wie sehr ich den Begriff „Lebensfreude“ mit ihm verbinde. Er hat so gern gelebt und genossen. Er hatte Freude an so vielem: an seinem Garten, an seinem Hund, an einer Fahrradtour. An einem guten Glas Wein, an einem kalten Bier, an einem Gespräch mit seinem Bruder. Er ist leidenschaftlich gereist und war ebenso gern zuhause. Er hat für sein Leben gern gegrillt und im Winter, wenn das Freiluft-Brutzeln dann doch nicht mehr ganz so angenehm war, Steaks durch die Pfanne gezogen. Er hat mit Begeisterung und voller Großzügigkeit Gäste bewirtet und so vieles mehr.

Er hat seine Frau – meine Mutter – geliebt und sie ihn: Ihre fast 37 Jahre währende glückliche Ehe und eine noch längere Liebe erfüllt mich mit Respekt und Bewunderung. Respekt habe ich auch vor dem, was er aufgebaut hat: Nicht nur mein Elternhaus, das er zusammen mit seinem Bruder gebaut hat, sondern auch wirtschaftliche Sicherheit für sich und seine Familie.

Er hat mir so viel mit auf den Lebensweg gegeben und mir so viel beigebracht: Vom Fahrradfahren über Spiegeleierbraten bis zur Freude an einem leckeren Glas Rotwein. Meine ersten Autofahrversuche hat er mit mir durchlitten – erst auf dem Feld meines Onkels, dann auf dem Verkehrsübungsplatz. (Was letzteres mit der Psyche eines mitfahrenden Autobesitzers macht, habe ich erst Jahre später herausgekriegt… ). Seine Weltoffenheit war und ist mir ein Vorbild. Und seine Beliebtheit bei Verwandten, Nachbarn, Freunden, Kollegen und Studienkollegen bis zuletzt ist mir Freude und Trost.

Dass ich seine Tochter bin, kann ich nicht leugnen (ganz abgesehen davon, dass ich das auch nicht will): Wir sind uns körperlich, aber auch charakterlich unglaublich ähnlich. Letzteres hat oft genug zu Knatsch geführt. Aber das ist in einer Vater-Tochter-Beziehung sicherlich nicht ungewöhnlich. Schade war nur, das wir beide schlecht streiten konnten bzw. können: So manch eine Auseinandersetzung zum richtigen Zeitpunkt wäre wichtig gewesen, andere Streits hätten so nicht sein müssen. Aber ich lasse ihn gehen ohne Groll, ohne viele „Hätte ich doch“. In Liebe und mit dem Gefühl, alles Wichtige geklärt zu haben. Ich bin so verdammt froh, dass ich ihm vor ungefähr einem Jahr Susanne vorgestellt habe: Ich hätte den Gedanken unerträglich gefunden, einem Menschen, der mir so nahe steht wie er, mein Glück zu verschweigen. Und ich bin froh, dass Susanne ihn noch kennengelernt hat und sie sich mochten. Froh bin ich auch über seine Bereitschaft, meinen Lebensweg zu akzeptieren, den er sich doch ganz anders vorgestellt hatte. Es ist ihm schwergefallen, aber er hat es versucht. Und dafür bin ich ihm dankbar.

Papa, Du wirst Deinen Platz in meinem Herzen und in meinen Gedanken behalten, und ich werde noch vielen Leuten von Dir erzählen. Mit einem Lächeln und glücklich, dass Du mir den Weg in die Welt gewiesen hast. Du wirst mir in so vielen Dingen begegnen. Und immer, wenn ich eine Flasche Wein von unserem gemeinsamen Lieblings-Weindealer öffne, trinke ich einen Schluck auf Dich.

Papa, Du hattest noch nicht genug vom Leben. Und ich hatte noch nicht genug von Dir. Aber ich bin froh, dass Du Frieden gefunden hast.

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6 Antworten zu “Auf Wiedersehen, Papa

  1. ich schick euch allen auf diesem weg meine herzliche anteilnahme. der „nachruf“ ist wahnsinnig berührend und voller liebe!

    herzlichst,
    stephi

  2. Als Gott sah, dass der Weg zu lang, der Berg zu steil, das Atmen zu steil wurde, legte er einen Arm um Dich und sprach: „Komm wir gehen heim.“

    Liebe Judith – ich möchte Dir und Deinen Lieben meine aufrichtige Anteilnahme zum Heimgang Deines geliebten Vaters aussprechen und Dir für das Kommende Kraft und reinigende Tränen wünschen. Dein Nachruf ist wunderschön geworden und ich wünsche Dir sehr, dass Du diesen für Dich so wichtigen Menschen immer in Deinem Herzen und somit bei Dir tragen kannst.

    Das Leben ist endlich – die wahre Liebe nie!

    Michaela

  3. Du kannst dich glücklich schätzen solch einen Vater gehabt zuhaben an den du nur allzugerne denks, so wird er in deinem Herzen immer leben.

  4. Judith, das ist wirklich ein wundervoller Nachruf auf einen tollen Menschen. Wir alle vermissen Alfons und denken oft an ihn. Wir werden Ihn immer in guter Erinnerung behalten.

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