Normal ist anders

Ich darf Susanne zurzeit nicht kitzeln. Ich darf Susanne zurzeit nicht kitzeln. Ich darf Susanne zurzeit nicht kitzeln. Und ich sollte das – verdammt noch mal – besser nicht vergessen. Hmpf.

Normales Leben ist halt noch nicht wieder. Und das ist vollkommen okay für mich – schließlich habe ich ihr in vollem Bewusstsein versprochen, dass ich ihre Entscheidung zur OP mittrage. Dazu stehe ich auch weiterhin: gerne und mit vollem Herzen.
Aber es ist schon manchmal hart oder zumindest anstrengend. Inzwischen ist es gut zwei Wochen her, dass sie aus dem Aufwachraum wieder zu mir gerollt wurde. Die Stunden davor waren sicherlich der Höhepunkt der gesamten Aktion. Aber das alles erfordert(e) Vor- und Nachbereitungszeit, auch von mir. Schon Wochen vor dem Termin lagen Susannes Nerven immer mal wieder blank, und an mir ist die Anspannung ebenfalls nicht spurlos vorübergegangen. Abendelang haben wir diskutiert und überlegt, haben die Angst, einen Fehler zu machen, in ihre Schranken verwiesen , haben Vorbereitungen getroffen, Gutscheine eingelöst und unseren Jahrestag schonmal vorgefeiert. Das war teilweise sehr schwer, aber oft auch toll, lustig und Nähe schaffend. Insgesamt drehte sich jedoch sehr viel um Susanne und ihre bevorstehende OP. Obwohl mir vieles sehr viel Spaß gemacht hatte: Ich habe angefangen zurückzustecken. Und nein, Susanne hatte mich nicht dazu aufgefordert: Das ergab sich einfach so und war für mich vollkommen in Ordnung. Es war schließlich eine einzigartige Zeit.

Die Zeit im Krankenhaus hatte ich mir stellenweise etwas anders vorgestellt: Eigentlich hatte ich jeweils vormittags meinen Kram erledigen und ab dem frühen Nachmittag bei Susanne sein wollen. So war mein Plan. Das verschob sich aber sehr schnell alles nach hinten: Ich habe es oft erst im späten Nachmittag nach Krefeld geschafft und bin dann lange geblieben. Die Wetterverhältnisse haben ihr übriges getan, so dass ich oft fix und alle war und morgens lange geschlafen habe, wodurch es wieder später wurde und ich zusätzlich gestresst war. Glücklich waren wir da beide nicht mit, was dann auch zu Knatsch führte.
Das haben wir überwunden, klar ist allerdings, dass ich ihr in dieser aktuellen Situation weiterhin den Rücken freihalten muss und ich meine Sorgen und Launen nicht bei ihr abladen kann, sondern vielmehr ihre auffangen muss. Das schaffe ich. Das muss – nein, WILL – ich schaffen. Das geht aber nur, wenn ich Susannes zweite Aufforderung ebenfalls verwirkliche: etwas für mich tun und auf mich aufpassen; mir gegebenenfalls Hilfe holen und Ruhe bewahren. Denn wenn ich das nicht mache, knallt es, breche ich zusammen, kann ich sie nicht stützen. Und da haben wir beide nichts von. Denn die Hauptlast des Alltags bleibt wohl bis auf Weiteres erstmal bei mir: Bis Susanne wieder Wasserkästen schleppen oder auf Leitern klettern kann, wird es wohl noch eine Weile dauern, und auch, bis sie den Kopf wieder für die Banalitäten des Lebens freihat, könnte es noch etwas hin sein. Das ist absolut in Ordnung so. Und ich bin heilfroh, dass ich den ganzen Dezember Urlaub und somit Zeit hatte. Nur so konnte ich dieses Abenteuer miterleben und mitempfinden, es ist nicht einfach an mir vorbeigerauscht.

Ich bleibe dabei: Ich bin froh und stolz, diesen Weg an Susannes Seite mitgehen zu dürfen. Dass er mitunter auch für mich etwas steinig ist, nehme ich in Kauf. Schließlich erlebt man nicht alle Tage so hautnah, dass ein Traum wahr wird.

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10 Antworten zu “Normal ist anders

  1. Wunderschön geschrieben!
    Gut zu wissen dass Susanne so eine liebevolle, starke Frau an ihrer Seite hat!

    Es war faszinierend u. oft sehr bewegend hier zu lesen, danke fürs Teilhaben lassen an der Wahrwerdung eines Traums. Ich klicke jeden Tag gespannt obs was Neues gibt.
    Ihr seid einfach toll, ihr Beiden! 🙂
    LG M*

  2. Liebe Judith,

    ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und vielleicht, auch wenn dein Kopf sehr voll ist mit den alltäglichen Dingen, die jetzt so gar nicht alltäglich sind, hol dir ein wenig Auszeit. Vielleicht mal mit Schwimmen oder mit einem Saunagang….dann hast du auch was für dich getan, was du defintiv brauchst. Klar rede ich wie ein Blinder von Farbe, denn ich beobachte das nur von Außen und kann sicherlich nicht mal im Ansatz nachempfinden, welchen täglichen Kraftaufwand das für dich bedeutet.

    Dennoch: Bitte denk, bei aller Liebe zu Susanne, auch ein bisserl an dich. Hol dir mal eine Auszeit, für Körper, Geist und Seele… und wenn es nur eine Stunde ist…….

    Mit ganz lieben Gedanken an Euch beide und den besten Wünschen

    L@ Div@

  3. Liebe Judith, Susanne weiß was sie an dir hat und sie hat Recht damit, dass du auch an dich denken musst 🙂 Abgesehen davon, dass es ihr von Tag zu Tag sicher auch besser geht und sie mehr machen kann, ausser gekitzelt zu werden 😉

    Ihr schafft das gaaanz sicher

  4. Liebe Judith,

    tu‘ DIR doch bitte den Gefallen und sei nicht so schrecklich streng mit dir selbst.

    Vielleicht irre ich mich ja, aber ….
    Zwischen deinen Zeilen lese ich nämlich irgendwie heraus, dass du SAUER AUF DICH selber bist, weil du an der Belastung zu schwächeln beginnst.

    Das ist kein böser Wille von dir.
    Das ist einfach nur menschlich.

    Also mach dich nicht verrückt. Es muss im Moment nicht alles perfekt laufen. Macht doch nichts, wenn mal das eine oder andere unerledigt liegen bleibt.
    Geh‘ immer mal wieder einen Moment in dich und frage dich selber ob DIES UND DAS noch zeit bis Morgen/nächste Woche hat.
    Vertrau mir, das ist völlig in Ordnung.

    Sei lieb zu dir selbst,
    dann ist es auch einfach lieb zu deinen Mitmenschen zu sein.

    Mut zur Lücke, wie man bei uns gern mal sagt 😉

    liebe Grüße

    Siouxi

  5. Ein lieber Mensch als Stütze an der Seite zu haben ist das Schönste was einem passieren kann, ich weis das sehr gut, aber das ist nur schön, solange die Stütze auch auf sich aufpasst und sich selbst Freiräume schafft, auch das weis ich sehr gut
    Umso schöner, wenn dann so was wie Normalität zurück kommt und diese Aufteilung wieder zu verschwimmen beginnt 🙂
    Auch hier weis ich, von was ich spreche.
    Fühl dich einfach mal gedrückt!
    Alex

  6. Liebe Judith, liebe Susanne

    Ich habe jeden Beitrag gelesen und bin tief beeindruckt. Ja, ich danke Euch, dass ich daran teilhaben konnte.

    Ich bewundere Eure innige Partnerschaft. Die Belastung für Beide ist gross aber das übersteht ihr. Es gibt Phasen im Leben wo man glaubt es bricht bald alles zusammen und dann geht immer wieder irgendwo eine Türe auf.

    Ich drücke Euch ganz fest die Daumen dass alles so wird, wie ihr Euch das vorgestellt habt.

    Lieben Gruss
    Uschi

  7. Pingback: Stilmittel aus Versehen | Susi und Ferkel·

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